Wer gilt als pflegebedürftig?

Welche Kriterien gelten für Pflegebedürftigkeit? Wann haben Sie Anspruch auf Leistungen der Pflegeversicherung? Alle Voraussetzungen im Überblick.

Würdevolle Hände im Alter - Wer gilt als pflegebedürftig?

Die Frage "Wer gilt als pflegebedürftig?" ist für viele Familien entscheidend, wenn es um die Beantragung von Pflegeleistungen geht. Nicht jede Hilfebedürftigkeit bedeutet automatisch Pflegebedürftigkeit im rechtlichen Sinne. Dieser Artikel erklärt die genauen Kriterien und Voraussetzungen nach dem Sozialgesetzbuch.

Die gesetzliche Definition von Pflegebedürftigkeit

Seit 2017 definiert § 14 SGB XI klar, wer als pflegebedürftig gilt:

§ 14 Absatz 1 SGB XI

Pflegebedürftig sind Personen, die gesundheitlich bedingte Beeinträchtigungen der Selbstständigkeit oder der Fähigkeiten aufweisen und deshalb der Hilfe durch andere bedürfen.

Es muss sich um Personen handeln, die körperliche, kognitive oder psychische Beeinträchtigungen oder gesundheitlich bedingte Belastungen oder Anforderungen nicht selbstständig kompensieren oder bewältigen können.

Die drei zentralen Voraussetzungen

Damit jemand als pflegebedürftig gilt und Anspruch auf Leistungen hat, müssen drei Bedingungen gleichzeitig erfüllt sein:

1. Gesundheitlich bedingte Beeinträchtigungen

Die Einschränkungen müssen auf gesundheitliche Probleme zurückzuführen sein. Dies können sein:

  • Körperliche Erkrankungen: Schlaganfall, Arthrose, Herzinsuffizienz, Multiple Sklerose
  • Geistige Beeinträchtigungen: Demenz, Alzheimer, geistige Behinderung
  • Psychische Erkrankungen: Schwere Depression, Angststörungen, Schizophrenie
  • Unfallfolgen: Querschnittslähmung, Schädel-Hirn-Trauma

Beispiel: Frau Schneider, 76 Jahre, hat nach einem Schlaganfall eine halbseitige Lähmung. Sie kann sich nicht mehr selbstständig waschen und anziehen.

2. Einschränkungen der Selbstständigkeit

Die Person muss in ihrer Selbstständigkeit beeinträchtigt sein und kann Alltagsaufgaben nicht mehr allein bewältigen. Bewertet werden sechs Lebensbereiche:

  1. Mobilität: Kann sich die Person noch selbst fortbewegen, aufstehen, Treppen steigen?
  2. Kognitive Fähigkeiten: Kann sie sich orientieren, Entscheidungen treffen, Gespräche führen?
  3. Verhaltensweisen: Gibt es nächtliche Unruhe, Ängste, aggressives Verhalten?
  4. Selbstversorgung: Kann sie sich waschen, anziehen, essen, zur Toilette gehen?
  5. Krankheitsbewältigung: Kann sie Medikamente einnehmen, Arzttermine wahrnehmen?
  6. Alltagsgestaltung: Kann sie ihren Tagesablauf strukturieren, soziale Kontakte pflegen?

Beispiel: Herr Hoffmann, 82 Jahre, leidet an Demenz. Er findet sich in der eigenen Wohnung nicht mehr zurecht, vergisst zu essen und erkennt Angehörige manchmal nicht.

3. Bedarf an Hilfe durch andere

Die betroffene Person muss auf die Unterstützung anderer Menschen angewiesen sein. Diese Hilfe kann sein:

  • Körperliche Unterstützung: Hilfe beim Aufstehen, Waschen, Anziehen
  • Anleitung und Beaufsichtigung: Bei kognitiven Einschränkungen (z.B. Demenz)
  • Motivation: Anstoß zu selbstständigen Aktivitäten
  • Teilweise oder vollständige Übernahme: Von Tätigkeiten, die nicht mehr selbst ausgeführt werden können

Wichtig: Dauer der Pflegebedürftigkeit

Die Pflegebedürftigkeit muss voraussichtlich mindestens 6 Monate bestehen. Dies unterscheidet Pflegebedürftigkeit von vorübergehender Hilfebedürftigkeit nach Operationen oder akuten Erkrankungen.

Vorübergehende Hilfe ≠ Pflegebedürftigkeit

Nicht pflegebedürftig im Sinne des SGB XI sind Personen, die:

  • ❌ Nach einer Operation nur vorübergehend (unter 6 Monate) Hilfe brauchen
  • ❌ Lediglich hauswirtschaftliche Unterstützung benötigen (ohne Einschränkung der Selbstständigkeit)
  • ❌ Nur wegen sozialer Isolation Hilfe suchen (ohne gesundheitliche Beeinträchtigung)

Lösung: In diesen Fällen gibt es andere Hilfsangebote wie Haushaltshilfe über die Krankenkasse oder Nachbarschaftshilfe.

Pflegebedürftigkeit in jedem Alter

Pflegebedürftigkeit ist nicht auf ältere Menschen beschränkt. Auch Kinder, Jugendliche und Erwachsene jeden Alters können pflegebedürftig sein:

Pflegebedürftige Kinder

Bei Kindern wird die Pflegebedürftigkeit im Vergleich zu gleichaltrigen gesunden Kindern bewertet. Ursachen können sein:

  • Angeborene Behinderungen (Down-Syndrom, Cerebralparese)
  • Chronische Erkrankungen (Diabetes Typ 1, schweres Asthma)
  • Entwicklungsverzögerungen
  • Unfallfolgen

Beispiel: Leon, 5 Jahre, hat eine schwere Cerebralparese. Er kann nicht eigenständig sitzen, essen oder sich bewegen und benötigt rund um die Uhr Unterstützung.

Jüngere Erwachsene

Auch jüngere Menschen können nach Unfällen, bei schweren Erkrankungen oder angeborenen Behinderungen pflegebedürftig sein.

Beispiel: Maria, 28 Jahre, erlitt bei einem Autounfall eine Querschnittslähmung. Sie ist auf einen Rollstuhl angewiesen und benötigt Hilfe bei der Körperpflege und im Haushalt.

Abgrenzung: Pflegebedürftigkeit vs. Schwerbehinderung

Viele Menschen verwechseln Pflegebedürftigkeit mit Schwerbehinderung – dabei sind dies zwei völlig unterschiedliche Konzepte:

Aspekt Pflegebedürftigkeit Schwerbehinderung
Kriterium Selbstständigkeit im Alltag Teilhabe am gesellschaftlichen Leben
Feststellung Medizinischer Dienst (MD) Versorgungsamt
Einstufung Pflegegrad 1-5 Grad der Behinderung (GdB) 20-100
Leistungen Pflegegeld, Sachleistungen, Hilfsmittel Steuervorteile, Kündigungsschutz, Freifahrten

Wichtig: Man kann gleichzeitig schwerbehindert UND pflegebedürftig sein – oder nur eines von beidem.

Selbsttest: Könnte ich pflegebedürftig sein?

Beantworten Sie diese Fragen ehrlich für sich oder einen Angehörigen:

  • ✅ Besteht eine gesundheitliche Beeinträchtigung (körperlich, geistig oder psychisch)?
  • ✅ Können alltägliche Tätigkeiten nicht mehr selbstständig ausgeführt werden?
  • ✅ Wird regelmäßig Hilfe von anderen Menschen benötigt?
  • ✅ Wird diese Situation voraussichtlich länger als 6 Monate andauern?

Wenn Sie alle vier Fragen mit "Ja" beantworten: Es besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit für Pflegebedürftigkeit im rechtlichen Sinne. Ein Antrag auf Pflegegrad ist sinnvoll.

→ So beantragen Sie einen Pflegegrad

Typische Irrtümer

Irrtum 1: "Ich bin zu jung für einen Pflegegrad"

Falsch! Pflegebedürftigkeit gibt es in jedem Alter. Auch junge Menschen nach Unfällen oder mit chronischen Erkrankungen haben Anspruch auf Leistungen.

Irrtum 2: "Ich kann noch vieles selbst – also bin ich nicht pflegebedürftig"

Falsch! Bereits geringe Beeinträchtigungen können zu Pflegegrad 1 oder 2 führen. Entscheidend ist, dass Sie in MEHREREN Bereichen Einschränkungen haben – nicht in allen.

Irrtum 3: "Ohne Schwerbehindertenausweis bekomme ich keinen Pflegegrad"

Falsch! Pflegebedürftigkeit und Schwerbehinderung sind unabhängig voneinander. Sie können einen Pflegegrad ohne GdB erhalten – und umgekehrt.

Was tun bei vermuteter Pflegebedürftigkeit?

Wenn Sie vermuten, dass Sie oder ein Angehöriger pflegebedürftig sind:

  1. Dokumentieren Sie den Alltag: Führen Sie eine Woche lang ein Pflegetagebuch über alle benötigten Hilfen
  2. Sprechen Sie mit dem Hausarzt: Lassen Sie sich ärztliche Diagnosen bestätigen
  3. Informieren Sie sich: Lesen Sie über die verschiedenen Pflegegrade
  4. Stellen Sie einen Antrag: Kontaktieren Sie Ihre Pflegekasse (bei Ihrer Krankenkasse)
  5. Holen Sie Unterstützung: Nutzen Sie kostenlose Pflegeberatung nach § 7a SGB XI

Fazit

Als pflegebedürftig gilt, wer aufgrund gesundheitlicher Beeinträchtigungen in seiner Selbstständigkeit eingeschränkt ist und voraussichtlich mindestens sechs Monate Hilfe von anderen benötigt. Dies kann Menschen jeden Alters betreffen – von Kindern bis zu Hochbetagten.

Wichtig ist: Pflegebedürftigkeit ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein rechtlicher Anspruch auf Unterstützung. Wenn die Kriterien erfüllt sind, sollten Sie nicht zögern, einen Pflegegrad zu beantragen. Die Leistungen der Pflegeversicherung können Ihre Lebensqualität erheblich verbessern.

Über die Autorin

Maxine Hora ist staatlich examinierte Pflegefachkraft und Pflegeberaterin nach § 7a SGB XI und teilt ihre fachlichen Einblicke aus dem deutschen Gesundheitswesen.

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